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Dienstag, 11. Mai 2010

Auf Ehre und Gewissen

Englischer Krimi gefällig?
Man nehme als Minimalinventar: Die Oberschicht,die Unterschicht,ein Internat, einen gruseligen Friedhof und - ach ja - einen Mord.

Unser Held ist Inspektor Lynley. Er ist adelig, gutaussehend, intelligent, reich, edel und gut, sozial eingestellt und mit hoher sozialer Intelligenz ausgestattet. Natürlichh hat er Familie und sehr gute, alte Freunde. Er fährt mit seinem Bentley zum Tatort und wird nach Feierabend in einer Stadtvilla von seinem Buttler empfangen. Am Wochenende fliegt er mit seinem Privatjet auf den Landsitz nach Cornwall. Er arbeitet, "um der Gesellschaft etwas zurückzugeben." Muss ich noch mehr sagen?

Na gut - um es vollständig zu machen: seine Assistentin stammt aus der Unterschicht. Sie wohnt in einem verotteten Haus in einem völlig heruntergekommenen Stadtviertel, hat demente Eltern, die in ihrer Abwesenheit versiffen. Sie ist hässlich, dick, misstrauisch und einsam. Im Umgang mit Menschen ist sie recht grob, streitet schnell herum und unterstellt allen nur das Schlechteste. Nachdem sie schon zurück in die Uniform degradiert war, darf Lynley ihr noch einmal eine Chance zur Bewährung bei der Kripo geben, was er natürlich ritterlich und erfolgreich tut (obwohl sie ihn einst doch so bitter beleidigt hatte - seufz.)

Der eigentliche Plot ist trotz all dem Trief und Schmacht aber doch überraschend gut ausgedacht. Lynley löst den Fall in einem Rutsch vor Ort, indem er mit allen Beteiligten nacheinander redet, wobei ihm natürlich sein großes soziales Geschick, seine hervorragende Intuition und seine großartige Beobachtungsfähigkeit nicht unwesentlich helfen. Neben dem eigentlichen Mord klärt er gleich noch alle kleineren Delikte aller temporär Verdächtigen auf.

Sehr leichte Krimikost zum Wegschlürfen, wenn man echt schlapp ist und ganz schnell etwas ganz Süßes braucht. "Gott schütze dieses Haus" soll noch ganz gut sein. Mein Tip: unter keinen Umständen ein dickeres Buch von ihr in die Hand nehmen. Absolut unerträglich!!!

Mittwoch, 10. Februar 2010

Leichenblässe

Nach seinem eher laffen Debut hatte Beckett´s letztes Buch mir ja Lust auf mehr gemacht - et voilá - bekomme ich Leichenblässe mit den wärmsten Empfehlungen unter den Weihnachtsbaum gelegt.
Aber ach. Wir haben versucht, es vorzulesen. Unmöglich. Das Vorlesen enthüllt schlechten Schreibstil brutal.

Der Held ist ein solcher Langeweiler. Immer und immer und immer und immer und immer wieder überlegt er, ob er sich als Brite nicht aus den amerikanischen Ermittlungen raushalten soll, ob er seinem Gastgeber damit nicht vielleicht Schwierigkeiten bereitet (obwohl der des Helden Anwesenheit explizit wünscht) usw. Das ist ja soooo rücksichtsvoll. Überhaupt ist er in j e d e r Beziehung soooo korrekt. Ein leichenblasser Saubermann.

Ist der Autor selbst so ein umständlicher Typ oder schreibt er streng zielgruppenorientiert? Und wie darf man sich eine solche Zielgruppe vorstellen? Weisser, weiblicher, angelsächsischer Mittelstand in der Vorstadt, der vom idealen Schwiegersohn in gesellschaftlich gehobener Position (Arzt, Wissenschaftler) in zartfühlender Art und Weise durch die schrecklichsten, schmutzigsten Untiefen des psychopathischen Mordens entführt wird, wobei er unter schwierigsten Umständen auch noch seine eigenen Traumata (familiäre Verluste und Opfererfahrung) aufarbeitet und die lebensgeschichtlichen Motive des Serienmörders psychologisch sauber ausgedeutet werden? Das ist zu dick aufgetragen, Mr.Beckett.

Nervig finde ich auch, dass er ausgiebig auf seine beiden ersten Bücher Bezug nimmt. Hast Du nix gelesen, Du nix verstehn. Das ist doch schlechter Stil, oder?

Aufbau der Geschichte Schema F (siehe Buch 1 und Buch 2) - die große Wurmkur im Leichenschauhaus.

Donnerstag, 4. Februar 2010

The Robots of Dawn

Dritter Teil der Trilogie

The Naked Sun

Zweites Buch der Trilogie

Freitag, 30. Oktober 2009

Kommissar Maigret

Maigret ist ein früher Vertreter jener kantigen Kommissare, die man entweder liebt oder nicht - und dann gleich die ganze Reihe im Regal stehen hat.
Ein großer, schwerer, ruhiger Mann, der am Ort des Verbrechens herumwandert, die Atmosphäre aufnimmt, beobachtet. Immer gehören Besuche in den örtlichen Kneipen dazu. Ein bedächtiger, langsamer Schweiger mit natürlicher Autorität, der oft unterschätzt wird, aber durch seine stille Präsenz auch manchmal Angstund Nervosität auslöst.
In allen mir bekannten Fällen begibt sich Maigret aus Paris in die Provinz, wo es gilt, Beziehungsmorde im engen familiären Rahmen aufzuklären. Durch Maigret´s Beobachtungen und fragende Gespäche mit vielen Beteiligten entstehen atmosphärisch dichte Milieu- und Charakterstudien der provinziellen Enge. In beiden Büchern ist mir erstmals aufgefallen, dass deutlich herausgestrichen wird, dass Maigret den örtlichen Ermittlern überlegen ist. In Holland sind sie töricht und Maigret belächelt sie gar mehrfach. Das ist unangenehm und ganz unnötig. Ist das vielleicht ein Charakteristikum, das ich bislang übersehen habe?

Samstag, 27. Juni 2009

Kalte Asche

Als Kind habe ich immer wieder das Wandbild in der Küche abgemalt. Die gleichen Pferde in der gleichen Reihenfolge unter dem gleichen Himmel. Einige Zeichnungen sind mir besonders gelungen, andere sahen irgendwie verhunzt aus.
So ist es auch mit der "Chemie des Todes" und "Kalte Asche".Im Prinzip zweimal exakt das gleiche Buch. Setting, Ablauf, Psychologie. Es hätte eigentlich stinklangweilig sein müssen und ich habe oft gestaunt, wie man es als Autor wagen kann, dermaßen exakt von sich selbst abzuschreiben. Das Erstaunliche ist jedoch, dass ich Kalte Asche trotzdem sehr spannend fand. Ich habe mich gut unterhalten und es richtig gern gelesen.
Es sind eben doch die subtilen Kleinigkeiten, die ein Buch besser oder schlechter machen, auch wenn der Plot ähnlich ist. Beckett ist zwar kein John le Carré, aber ein solider britischer Krimischreiber! Ich habe sogar Lust auf weitere seiner Bücher bekommen...

Freitag, 20. Februar 2009

Vergebung

Merkwürdig. Was sind das für Bücher, die man beim Lesen nicht aus der Hand legen kann. Man ist gebannt und fasziniert, doch zwei Wochen später denkt man: " Was ist eigentlich so toll daran?"

Im Gegensatz zur Beprechung des zweiten Bandes bin ich nun der Meinung, dass die drei Bände im Grunde ein einziges Buch sind. Der dritte Band führt die beiden ersten nahtlos fort und bringt alles zu einem versöhnlichen Ende. Fertig! Mir drängt sich der Vergleich zum Herrn der Ringe auf. Doch Larson oder der Verlag wollten (wohl aus kommerziellen Gründen), dass die drei Bücher möglichst unabhängig voneinander funktionieren. Darum sind etwa ein Drittel der Buchstaben des dritten Bandes nur dazu da, neuen Lesern zu erklären, was sie in Band 1 und 2 verpasst haben. Das nervt zu Tode!
Inhalt: Lisbeth Salanders in Band 2 aufgeklärte Vergangenheit bricht auf. Der Geheimdienst versucht erneut, sie zu Vertuschungszwecken in die Psychiatrie sperren zu lassen. Diesmal hat sie aber starke Verbündete - aufrechte Journalisten, aufrechte schwedische Demokraten, aufrechte Polizisten, aufrechte Hackerkollegen, eine aufrechte Anwältin und noch ein paar andere aufrechte Freunde. Dem sind die Bösewichte nicht gewachsen. In einem Show-Down vor Gericht, ganz im Stile vieler Gerichtsdramen, werden sie überführt, während Salander die ganze Zeit im Gefängnis sitzt. Schön wie ein Dur-Akkord, schön wie Mozart, Balsam für die Seele - aber im Nachhinein halt irgendwie langweilig. Lieber hätte man Salander in Aktion gesehen...

Montag, 26. Januar 2009

Bis aufs Blut

Das ist ein ganz frührer Rankin. Der Autor hat sich noch nicht eingeschrieben. Die Grundidee ist super und die Auflösung am Ende wirklich kreativ. Was fehlt, um das Buch zum Knaller zu machen, ist der Stil. Rankin erzählt ein einfaches Roadmovie, in dem er offensichtlich einfach ein paar eigene Reiseimpressionen aus den USA runterschreibt. Mich als USA-Neuling hat das zwar angesprochen und unterhalten, aber Spannung?
Inhalt: ein junger britischer Berufskiller mit familiärem Militärhintergrund (Klischee) erledigt einen Auftrag in London. Zwei Sekunden nach dem Schuss ist die Polizei vor Ort und er entkommt nur mit knapper Not. Offensichtlich will ihn jemand ans Messer liefern, aber wer? Er macht sich auf die Suche. Dabei wird er selbst von einem fetten, sarkastischen New Yorker Privatdetektiv verfolgt. Dann schaltet sich noch ein amerikanischer Geheimdienst ein. Männer in - Klischee, Klischee - dunklen Anzügen, Sonnenbrille und dunklen Autos . Die Spur führt zu einer Sekte in die USA, die - wie das Klischee es verlangt - natürlich an Westküste residiert. Dort wird später richtig gesplattert. Die dazu erforderlichen Waffen besorgt er sich en gros wo? Na? Richtig - in TEXAS. Jippiee! Am Ende war er völlig auf dem Holzweg. Alle Überlegungen Quatsch. Die Lösung ist soo einfach. Irgendwie ganz nett zu lesen...
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Mittwoch, 14. Januar 2009

Verdammnis

Wow, das gab es schon lange nicht mehr: ich habe gestern bis zwei und heute morgen bis vier Uhr durchgelesen. Auf der Arbeit konnte ich es kaum aushalten, das Buch endlich wieder in Händen zu halten.

Ich hatte ja große Bedenken, ob es Larsson nach seinem wirklich guten Auftaktbuch "Verblendung" hinbekommen würde, die liebgewonnen Figuren glaubwürdig weiterzuführen. Er hat und wie. Das zweite Buch seiner Reihe ist eine Intensivierung und Steigerung und spannend wie nur was.

Im Unterschied zu dem, was ich gehört hatte, handelt es sich aber nicht um eine Story, die sich über zwei Bücher erstreckt, sondern um zwei unabhängig voneinander lesbare Stories mit den gleichen Hauptpersonen. In Verdammnis erfahren wir alles über Lisbeth Salanders Hintergrund. Sie ist die unbestrittene Hauptperson und - endlich mal ein Umschlagtext, den ich voll unterschreiben kann - "Lisbeth Salander überwältigt mit ihrer Unwiderstehlichkeit. Sie gewinnt die Liebe des Lesers im Sturm" Der Spiegel

Nicht verschwiegen werden soll, dass Larsson inmitten seiner kunstvoll aufgebauten, zügig voranschreitenden Geschichte ab und zu stilistische Einsprengsel bringt, die merkwürdig lahm und unbeholfen wirken z.B. die Marotte, die zahlreichen Personen eines polizeilichen Ermittlerteams, biographisch auszuleuchten - und zwar
a) alle hintereinander über drei Seiten und
b) für die Story eigentlich überflüssig.
Vielleicht haben wir eine Großteil der Spannung ja dem gut gespitzten Rotstift des Unbekannten Lektors zu verdanken.

Sonntag, 11. Januar 2009

Verblendung

Na das ist ja mal ein Ding. Da schreibt einer drei Krimis, die einschlagen wie wie eine Bombe - aber leider erst posthum veröffentlicht wurden. Schade, das hätte eine ganze Krimiserie mit dem ungewöhnlichen Ermittlerpärchen "Wirtschaftsreporter + verhaltensgestörte Sozialhilfeempfängerin" werden können. Was muss er denn mit 50 einen Herzinfarkt bekommen!? Wahrscheinlich hat er genau so geraucht, wie seine Darsteller oder wurde hintenrum von den schwedischen Neonazis ermordet. Die spielen jedenfalls eine ziemliche Rolle in diesem mit dem Skandinavischen Krimipreis ausgezeichneten Buch, was sich aus seiner Biographie ergibt. Tja, und dann hat er da noch dieses Thema "Frau wird von Sadist gefangen und gequält" drauf.
Um all diese Themen irgendwie unterzubringen, wählt er als Rahmenhandlung einen Wirtschaftskrimi, in den er eine klassische Whodunit einbettet. Nachdem der Held der Geschichte, seines Zeichens Enthüllungsreporter, vor Gericht eine Niederlage gegen einen vermutlich kriminellen Großindustriellen erlitten hat, zieht er sich in die schwedische Provinz zurück. Dort nimmt er den Auftrag eines ehemaligen Großindustriellen an. Er soll einen 4o Jahre alten Mord aufklären, was auch in klassischer Manier, Schritt für Schritt gelingt. Im Gegenzug hilft der alte Großindustrielle dem Reporter die Anfangsschlappe auszuwetzen und dem Bösewicht das Handwerk zu legen. Das Buch ist unterhaltsam und wird nach einem etwas flauen Anfang sogar richtig, richtig spannend. Guter Stil. Meine Lieblingsfigur ist die unangepasste "Lisbeth Salander", die der ganzen Geschichte Seele verleiht. Da beide Helden mit ordentlich Geld an den Füßen aus dieser Geschichte herauskommen, bleibt abzuwarten, ob der Folgeroman nicht zwangsläufig ganz anders werden muss, denn Geld ändert ja bekanntlich alles. Erhalten bleiben uns wahrscheinlich die Sadisten und die Nazis...

Dienstag, 21. Oktober 2008

Todeshauch

So einen Aufbau einer Geschichte habe ich ja noch nie gesehen. Die Kripo findet auf einem Baugrundstück ein Skelett, das dort schon seit ca. 60 Jahren liegt. Dessen Lage weisst darauf hin, dass es sich um ein Verbrechen handeln könnte und man nimmt eine Ermittlung auf. Offensichtlich sonst nicht viel zu tun in Reykjavik. Parallel läuft eine andere Geschichte und recht schnell bemerkt man, dass es sich um eben jene Geschichte vor 60 Jahren handelt, die zu dem Skelett führen wird. Vor dem Leser entfaltet sich ein packend beschriebenes Familiendrama um das Thema Gewalt in der Familie. Toll wie beide Erzählstränge an Intensität gewinnen und sich auf das Ende hin immer stärker annähern. Dabei steht die alte Geschichte ganz im Zentrum. Die mäandernden Ermittlungen sind ein tolles Stilmittel, um Kontext- und Hintergrund der alten Geschichte zu verbreitern. Ich hatte oft Herzklopfen - aber nicht wegen irgendwelcher Krimikniffe, mit denen Spannung oder Grusel erzeugt wird, sondern einzig und allein wegen der intensiven Familiendynamik. Menschlich dicht und echt.

Scharf und persönlich hat mich eine zweite Familiendynamik des Buches berührt. Der ermittelnde Kommissar hat sich vor zwanzig Jahren von seiner Frau scheiden lassen, als seine beiden Kinder noch klein waren. Während der Ermittlungen versucht er, seiner stark gegen ihn eingenommenen schwangeren Tochter zu helfen und begegnet seiner Ex-Frau, die ihn immer noch so stark hasst wie zur Zeit der Trennung. Ebenfalls sehr präzise beobachtet und gut übergebracht.

Die Chemie des Todes

Die tiefste metaphysische Gewissheit meines Vaters war, dass das Leben nach dem Tode sich einzig und allein in den Würmern abspiele, die einem im Grab in die Augen hinein und aus den Ohren wieder hinauskriechen. Das hat ihn so beschäftigt, dass er unbedingt verbrannt werden wollte.
Scheinbar auch Simon Beckett´s Thema. Im Buch habe ich es vermutet und im Nachwort bestätigt er selbst, dass ein Besuch auf der Bodyfarm des FBI in Tennessee den Anstoß für diesen Krimi gab.
Wer verwest wann wie, welche Viecher wandern wo rein und wo wieder raus. Schade nur, dass er kein Sachbuch draus gemacht hat, sondern sich für einen Thriller entschied. Abgesehen von besagten Schilderungen fand ich nämlich fast alles schlecht an diesem Buch.
Es gibt so viele Maden, dass wir mehrere Leichen brauchen. Also muss ein Serienmörder her. Unheimlich soll es sein, also ab in eine neblige englische Sumpflandschaft. Spezialkenntnisse sind gefragt, also muss die Hauptfigur Arzt sein. Besser, die Leichen sind verstümmelt, also interessiert ja bestimmt, wie es dazu kam. Drum wird man Zeuge, wie der Mörder drei Frauen im Verlies mit dem Messer traktiert und by the way psychisch quält. Spannender wird es, wenn man die Opfer kennt, also muss der Held eine nette Frau finden, die das letzte Opfer wird. Dann ist der Ich-Erzähler auch noch ein unglaublich lahmer Saubermann ohne wirkliche Tiefe und die rückblickende Ich-Erzählung nervt: "Damals wusste ich noch nicht, dass der nächste Tag total spannend werden würde." Das sind die Schwächen des Buches: fühlbar konstruiert, vorhersehbar bis hin zum Mörder, stilistisch flach und schwache Personen.
Die einzige Stärke reisst die Sache leider auch nicht mehr raus, nämlich die Beschreibung, wie die Gruppenstimmung der Bewohner in dem abgelegenen Dorf kippt, als ein Mord nach dem anderen geschieht. Hysterie, Lynchstimmung, Angriff, Rückzug, Verleumdung. Besonders die Gewinnler dieser Situation haben mir die Zornesader schwellen lassen. Stark!
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Sonntag, 12. Oktober 2008

Der untröstliche Witwer von Montparnasse

Ja - trotz eines neuen Hauptermittlers ein Buch voller Wiedererkennungswert. Der gleiche Ermittlungstypus. Die drei Junghistoriker mit von der Partie und weitere Konstanten entdeckt: viele (nur auf den ersten Blick zufällige) Opfer, ein Täter, der einem ganz bestimmten Muster folgt, dass mit Hilfe historischer, literarischer Kenntnisse und sehr viel Intuition entziffert wird. Und wieder wird mit Urängsten gespielt: nach den Wölfen und der Pest ist es diesmal ein Scherenmörder - tschik... Und wieder eine lebensgeschichtlich erworbene Pathologie. Wieder die kleinen Leute von nebenan. Hinreißend auch wieder die lakonische, einfache Sprache der Dialoge. Ganz besonders toll ist diesmal der Minderbegabte beschrieben, den der Täter in eine Sündenbockpostion manövriert, der aber von den Hauptpersonen aus dem Verkehr gezogen und geschützt wird. Bis zum Schluss äußerst spannend und dennoch ein Gute-Laune-Buch. Die Presse spricht nicht umsonst von einer "Magie Vargas".

Samstag, 11. Oktober 2008

Fliehe weit und schnell

Meine Sorge aus dem letzten Vargas, dass Kommissar Adamsberg für weniger gute Geschichten stehen könnte, hat sich glücklicherweise nicht bestätigt. Mein dritter Vargas und schon wieder neue Personen und Milieus. Nicht die WG der drei arbeitslosen Jungakademiker, nicht die französiche Provinz, sondern Adamsberg in Paris. Dennoch fallen mir erste Konstanten auf:

Vargas beschreibt immer Nachbarschaftsmilieus. Einfache Leute, ein bischen dickköpfig, aber durchweg liebenswert. Die Ermittler sind intuitive, visuelle Typen, rechtshirnig. Sie begeben sich vor Ort, sammeln Eindrücke, "lassen die Dinge sich entwickeln" und wenn die Situation reif ist, setzt ihr Hirn alles zusammen und die Lösung steigt an die Oberfläche. Sie hat einen starken Hang zu psychologischen Erklärungen. Motive ergeben sich gerne aus der Familiengeschichte des Täters. Sehr spannend! Gänsehaut!

Donnerstag, 9. Oktober 2008

Bei Einbruch der Nacht

Mein erstes Vargas-Buch hatte mir ja Lust auf mehr gemacht - und siehe - Fred(erique) hat bereits eine ganze Menge Krimis geschrieben; sie ist bekannt und vielfach geehrt. Solche Entdeckungen lob ich mir. Also her mit dem nächsten Buch!

Verblüffend - es treten völlig andere Personen an einem ganz anderen Ort auf - französische Seealpen - tiefste Provinz. Seit wann gehen Krimiautoren hin, werfen ihre liebvoll gestalteten Hauptpersonen über Bord und erschaffen von Buch zu Buch alles neu? Liegt wohl dran, dass Vargas einfach viele Ideen hat. Gut gelungen! Das zweite Buch gefällt mir (zunächst) sogar besser als das erste.

Etwa ab der Mitte des Buches wird die Verfolgung eines von Süd nach Nord durchs Land wandernden Killers leider von Kommissar Adamsberg übernommen, die bisherigen Hauptpersonen werden an den Rand gedrängt. Das ist schade und verändert Stil, Stimmung und Tempo sehr. Mittlerweile ist mir aufgefallen, dass Adamsberg in mehreren Krimis auftritt, was mich für die weitere Vargas-Krimis mit leichter Sorge erfüllt

Dienstag, 7. Oktober 2008

Die schöne Diva von St. Jacques

Bei Krimis geht es mir eigentlich nie um die kriminalistische Auflösung, sondern die Beschreibung von Charakteren, Beziehungen, Stimmungen und Milieus. Hier hat die Französin Fred(erique) Vargas echt was zu bieten. Sie fährt liebenswert skurile Typen auf und schreibt einen heiteren, beschwingte Stil. Ich habe mich köstlich amüsiert. Die Auflösung fand ich fast störend. Eine Pflichtübung - siehe oben.

Plot: Drei arbeitslose Jungakademiker - ihres Zeichens Historiker mit unterschiedlichen Schwerpunkten - ziehen aus Geldnot in ein recht abgewracktes Haus. Einer bringt noch seinen Onkel - einen 68jährigen, vom Dienst suspendierten Kommissar mit.

Es entwickelt sich ein lebhaftes nachbarschaftliches Beziehungsgeflecht, in dem (natürlich) auch ein Mord geschieht (geschehen muss) und man leicht chaotisch der Lösung entgegenschlingert. Die Leistung des Ex-Bullen besteht darin, voreilige, vordergründige Schlüsse der eingeschalteten Polizei zu verhindern um den Dingen Raum zu geben sich zu entwickeln. Unterhaltsamer gute Laune Krimi - mehr davon!

Samstag, 22. März 2008

Die Zwillingsfalle

Nach 617 Grad Celsius bin ich gleich zum Stern-Verlag spaziert, um nach weiteren Krimis von Horst Eckert Ausschau zu halten. Dabei habe ich entdeckt, dass er "Glauser" und "Marlowe"-Preisträger ist und schon acht Düsseldorf-Krimis geschrieben hat.

Die Zwillingsfalle ist konsistent zu 617 Grad Celsius. Die Grundstimmung ist gleich. Grundelemente, die mir gefallen, tauchen wieder auf. Zum Beispiel, dass sich die Guten und die Bösen nur in Nuancen unterscheiden. Wer hat schon mal gelesen, dass sich die gute Kommissarin und der korrupte Bulle (der einen Kriminellen exekutiert, um seine eigenen Machenschaften zu verbergen) gegenseitig decken und helfen. Tja - das korrupte Schwein erweist sich am Ende als Mitmensch.
Eckert hat seine Krimis nicht auf einem einzigen Kommissar aufgebaut. Im Polizeipräsidium taucht aber immer wieder ein bestimmter harter Peronenkreis auf. Man trifft alte Bekannte, die sich weiterentwickeln und um Karriereschritte und Positionen rangeln. Aber auch die neuen Nebenpersonen sind gut gezeichnet. Diesmal ein SEK-Beamter, der von der Rambotruppe zur Kriminalwache zwangsversetzt wird.
Trotz gleicher Grundelemente bringt das genug Abwechslung. Inhaltlich ist die Geschichte wieder mit einem besondere Stück Stadtgeschichte verwoben: der Übernahme von Mannesmann durch Vodafone. Was schlug das damals für Wogen, als der blaue Mannesmann-Schriftzug vom Mannesmann-Hochhaus runtergeholt wurde und durch das rote Vodafone ersetzt wurde. Ein sichtbares Fanal, dass die Globalisierung auch in Düsseldorf angekommen ist und Opfer kostet.

617 Grad Celsius

Lisa wollte etwas für meinen Lokalpatriotismus tun und hat mir diesen "Düsseldorf-Krimi" geschenkt. Ich war ja etwas skeptisch. Ist das Buch vielleicht nur geschrieben, damit Düsseldorf auch mal irgendwo vorkommt? Wird er sich auf dem Niveau den unbekannten Heimatdichters oder der Vereinszeitung des Düsseldorfer Alpenvereins bewegen?

Nein. Wunderbar. Ein wirklich spannendes Ding um die Verflechtung von Polizei und Landespolitik und die lokale Boulevardpresse. Ein bischen hat es mich an Rebus erinnert, denn immer tauchen Titel und Textzeilen aus irgendwelchen Songs auf. Außerdem ist es nicht wirklich nett bei Polizistens. Gerangel, Misstrauen und Intrige. Die Bullen sind nicht wirklich gute Menschen und die Bösen eigentlich nur so böse wie Du und ich auch. Dann gibt es noch Anklänge an wahre Düsseldorfer Gegebenheiten - hier die Hausexplosion in der Krahestraße.

Neu fand ich die intensive Behandlung innerfamiliärer Verstrickungen über Generationsgrenzen hinweg und ihre Auswirkung auf den Seelenhaushalt der Hauptpersonen. Hat Eckert mal eine Familientherapie mitgemacht? Überrascht haben mich auch die gelegentlichen treffenden medizinisch-psychiatrischen Beschreibungen und - hach - seine Seitenhiebe auf Krankenhäuser und Ärzte. Das hat mir doch alles ganz gut gefallen. Dass die ganze Sache in Düsseldorf spielt und ich jede Straße und Ecke kenne, ist überhaupt nicht wichtig - hat meinem Lokalpatriotismus aber doch geschmeichelt ;-)

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Donnerstag, 20. März 2008

No country for old men

Der Killer findet die verlorenen Drogenmillionen nicht.
Der glückliche Finder findet keinen sicheren Hafen, in dem er seine Millionen genießen kann.
Der Scheriff findet den Bösewicht nicht.
Der Zuschauer findet den Sinn nicht.
Der weise Rollstuhlcop sagt, so sei die Welt nun mal.

Ist das die ganze Absicht des Films? Gegen Hollywood zu sein? Gegen die üblichen vorhersehbaren, geschlossenen Plots und das ewige Happy-End? Falls ja - das ist gelungen.

Aber gab es sonst vielleicht noch eine Aussage? Irgendwelche versteckten Bedeutungen? Irgendetwas typisch amerikanisches? Keine Ahnung...

Eine Zielgruppe konnte in all dem Blut aber trotzdem etwas Vergnügliches entdecken: Touristen, die mit dem Auto kreuz und quer durch die texanische Provinz gefahren sind. Die Del Rio und den Grenzübergang in Eagle Pass kennengelernt haben. Die, die in Motels gewohnt und in Burgerbuden gegessen haben - die haben alles wiedergefunden - den schäbigen Kippschalter an der Wand, endlose Straßen und Wohnwagensiedlungen im Nirgendwo. Wunderbar.

Liebe Cohen-Brüder: Fargo war weit besser!

Dienstag, 30. Oktober 2007

Der diskrete Mr. Flint

Nach seinem ersten Rebus Roman hat sich Ian Rankin an einem Antitypus zu John Rebus vesucht. Er ist nicht bei der Polizei, sondern beim Geheimdienst. Auch spielt der Roman in London nicht in Edinburgh. Mit Hilfe dieser kleinen Verfremdungen kann man als treuer Rebus Leser umso deutlicher das Typische an Rankins Romanen erkennen. Seine Typen leben in einer harten Welt, sind recht einsam, den Kollegen kann man nicht trauen, jeder kämpft gegen jeden. Auch der Aufbau ist bekannt: eine kleine nicht erklärliche Eingangsepisode fällt irgendwann recht spät im Buch an ihren Platz. Der Held tappt lange im Dunkeln. Lose Enden sammeln sich ungeordnet an. Die Plots sind nicht so aufgebaut, dass man als Mitdenker genug Hinweise bekäme, um den Fall sportlich vor dem Showdown zu lösen. Man braucht Rankin, der Schritt für Schritt alle Fäden in einem sich beschleunigenden Finale zusammenfriemelt. Es geht hier weniger um Denksport und Hobbykriminalistik als vielmehr um klare Menschenbeobachtung, atmosphärische Dichte und viele Groschen, die einer nach dem anderen - immer schön langsam fallen. Bis zur letzten Seite!
Der diskrete Mr. Flint ist absolut empfehlenswert. Kein unbekannter Vorläufer aus der Zeit, als Rankin noch seinen Stil suchte (wie ich befürchtet hatte), sondern ein Goldstück. Übrigens überwiegen bei Flint und Rebus letztlich doch die Gemeinsamkeiten. Kein Wunder, dass sich Rankin dann auf Rebus festgelegt hat.