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Donnerstag, 21. Juli 2011

Kulturgeschichte des Klimas

Ein tolles Sachbuch. Spannend geschrieben und sehr viele neue Erkenntnisse für mich. Es umfasst die letzten 12 000 Jahre, seit die Menschen sesshaft geworden sind. Ein Ereignis, dass durch das Ende der letzten Eiszeit und den Übergang zu einer Warmzeit begünstigt (ausgelöst?) wurde. Je weiter zurück, desto summarischer behandelt er die Vergangenheit und ist nicht immer ganz glasklar in den Formulierungen und Epochenbegriffen. Je näher es der Gegenwart rückt, desto spannender wird es. Der Höhepunkt des Buches, der längste, detaillierteste und spannendste Teil ist die kleine Eiszeit, die mit der Renaissance beginnt und über die Aufklärung ins 19.Jahrhundert reicht.
Mir war nicht klar, dass die klassische Antike und das Hochmittelalter warme Perioden und das frühe Mittelalter / Völkerwanderungszeit und die Frühe Neuzeit Kälteperioden mit schrecklichen Katastrophen und tiefen Auswirkungen auf Kultur, Politik, Wirtschaft, ja Religion waren. Nicht im primitiven Sinn einer kausalen Verursachung, aber einer sehr wichtigen Begleitmusik und Mitursache für viele historisch bekannte Vorgänge. Unbedingt lesenswert!

Dienstag, 19. Juli 2011

Geist im Netz

Was sind eigentlich neuronale Netzwerke? Wie sind sie aufgebaut? Wie funktionieren sie? Wie kann man ein Neuron am Computer simulieren und welche mathematischen Eigenschaften muss es haben, um aus einer Signalweiterleitung eine Informationsverarbeitung zu machen? Wie organisieren sich Netzwerke selbst? Wie speichern sie Inhalt? Wie bringen sie Abstraktionsleistungen hervor? Wie lernen sie?
Manfred Spitzer, Professor für Psychiatrie an der Universität Ulm, gibt eine grundlegende, verständliche Einführung, indem er erst einfache Netze aus 3 Neuronen. dann komplizierteren Modelle erklärt und viele Simulationen und Versuche erläutert. Das Buch ist voller Literaturangaben, so dass man in jeder Verzweigung des Themas, tiefer einsteigen kann, wenn man es noch genauer wissen will. Er zeigt, wie man mit Hilfe der vorgestellten Modelle und Prinzipien viele Eigenschaften des menschlichen Geistes elegant und sparsam erklären kann, z.B. das Lernen zunehmend komplexer Sachverhalte im Laufe der kindlichen Entwicklung, viele psychopathologische Störungen der Schizophrenie, Demenz, Depression oder Autismus.
Ein grundlegendes Werk, das meinen Widerwillen gegen redundante Kommunikation und meine Ungeduld gegen unaufmerksame oder denklangsame Zeitgenossen erheblich reduziert hat. Ich habe ein neutrales Verständnis entwickelt, ohne meine üblichen inneren Bewertungen, wenn jemand deutlich "anders tickt" als ich. Und das ist kein kleines Ergebnis für ein Buch. Gehört in meinen naturwissenschaftlichen Kanon!

Dienstag, 16. Februar 2010

Why is sex fun?

Bei diesem Buch haben manche Leser ein Beratungsbuch erwartet. Es ist aber drin, was draufsteht: Evolution der menschlichen Sexualität. Also ein Biologiebuch.
Allerdings sind die Unterschiede zum Biologieunterricht gewaltig. Wo der Biounterricht jungen Menschen per Arbeitsblatt komprimierte Fakten ins Gehirn knallt, sie in einer Klausur abfragt und dann im Lehrplan weiterstürmt, nimmt sich Jared Diamond Zeit. Zeit um Fragen zu stellen und Staunen zu wecken. Er pflegt einen pointierten, unterhaltsamen Schreibstil. Dabei immer ganz Angelsachse: kurze Sätze, klare Gedanken, präziser Ausdruck. Dem so aufgeladenen Thema nähert er sich in herrlich nüchterner Naturwissenschaftlersprache, die eine wohltuende Distanz schafft.

Im Buch "Bildung - alles was man wissen muss" hat Dietrich Schwanitz den sogenannten gutbürgerlichen Bildungskanon vorgestellt und dabei Schwerpunkte auf die Produkte der "Hochkultur" gelegt: Geschichtsschreibung, Philosophie, Literatur, Musik etc. Als Reaktion darauf erschien "Die andere Bildung", in de E.P.Fischer darauf hinweist, dass die Naturwissenschaften ganz wesentliche Beiträge zur Bildung beizusteuern haben, die in ihrer erkenntnisschweren Tiefe weit über den klassischen Bildungskanon hinausgehen.

Das demonstriert Jared Diamond in seinen Büchern eindrucksvoll . "Why is Sex Fun?" hilft beispielsweise die biblische Sexualmoral biologisch zu verstehen. "Guns, Germs and Steel" setzt das Bischen an schriftlich überlieferter "Weltgeschichte" in den größeren Rahmen der letzten 50.000 Jahre und das mit höchstem Gewinn!

Ich habe das Buch oft zur Seite gelegt und viel nachgedacht. So sollen Sachbücher sein! Am liebsten würde ich meine Gedanken dazu hier gleich alle ausbreiten. Das Buch hat mich sehr bereichert.

Samstag, 30. Januar 2010

An Empire of Wealth

US-amerikanische Wirtschaftsgeschichte von der Staatsgründung bis zum Beginn des 21. Jahrhunderts. Ein Buch, um sich unterhaltsam zu informieren.

Den sehr anekdoten- und personenzentrierten Stil finde ich persönlich eher unbefriedigend. "Heldengeschichten", die manchen patriotischen Amerikaner interessieren dürfte. Ich habe mich öfters gelangweilt, bin hin und her gesprungen und habe es nicht zu Ende gelesen.

Die Hauptthese des Buches finde ich patriotisch übertrieben und falsch: Während andere Weltreiche ihre Macht auf Politik und Waffengewalt stützten, dominierten die USA die Welt auf eine friedfertige, alles durchdringende Art und Weise. Nämlich durch ihre Wirtschaftsleistung und ihre Fähigkeit immer mehr Wohlstand zu schaffen. Erzähl das zum Beispiel mal den Staaten Mittel- und Südamerikas...

Guns, germs and steel

Mama, warum ist es heute so kalt?
Weil die Sonne nicht scheint
Warum scheint die Sonne nicht?
Weil zu viele Wolken am Himmel sind
Warum sind so viele Wolken am Himmel?
Die hat der Wind hierhergeblasen?
Warum bläst der Wind?
usw.usw.

Durch diese Art von Frage- und Antwortspiel geht der Pulitzer-Preis-Träger Jared Diamond der Frage nach, warum die verschiedenen Gesellschaften auf den verschiedenen Kontinenten so unterschiedlich reich und mächtig sind. Welche vordergründigen Faktoren sind für diese Unterschiede verantwortlich? Welche Faktoren liegen dahinter und welche dahinter? Wie weit muss man zurückgehen, um an die Wurzel zu gelangen? Bis ins Mittelalter? Bis zu den frühen Hochkulturen? Nein - bis in die Zeit als alle Menschen auf der Erde noch als Jäger und Sammler gelebt haben. Also bis ans Ende der letzten Eiszeit vor ca. 15.000 Jahren. Von dort an haben sich die unterschiedlichen Gesellschaften unterschiedlich schnell "zivilisiert". Wie und warum kam es dazu? Sind die Völker unterschiedlich intelligent? Sind die Wilden faul?

Jared Diamond´s Motiv für dieses Buch war nach eigener Aussage, solche simplen aber tief eingefleischten, rassistischen Hypothesen zu widerlegen. Die Menschen sind überall gleich intelligent und im evolutiven Sinne gleich modern. Entwicklungsunterschiede führt er auf Unterschiede in den natürlichen Ressourcen und Gegebenheiten auf den Kontinenten zurück. Welche das sind, will ich hier nicht verraten.

Diamond bezieht alle Kontinente in seine Darstellung ein. Für mich interessant war, dass ein besonderer Schwerpunkt auf Neu Guinea, Australien und Ozeanien liegt. Eine Gegend, über die ich bislang sehr wenig wusste, die Diamond aber aus 30jährigen Forschungsaufenthalten gut kennt.

Seine Darlegungen und Herleitungen sind systematisch und gründlich. Das Buch gut strukturiert, anschaulich und leicht verständlich - das Lesen eine große Abenteuer- und Entdeckungsreise. Ein würdiger Nachfolger meines Jugendlieblingssachbuchs "Götter, Gräber und Gelehrte". So sollen Sachbücher sein.

Stilistisch kritisch anzumerken ist, dass er einen redundanten Schreibstil pflegt, der aufgrund der klaren Sprache und guten Struktur eigentlich überflüssig wäre. Gegen Ende steigern sich die Redundanzen bis zur Unerträglichkeit. Die Hälfte hätte es auch getan.

Dienstag, 20. Januar 2009

Die Welt ohne uns

So ein Scheiß! Es ist die typische Kaufsituation, in der ich immer wieder mal auf schlechte Bücher hereinfalle: ein ungeplanter Bummel im Stern-Verlag mit viel Lust auf Neues, aber wenig Zeit und Anschlussterminen. Da greif ich schon mal nach der schönen Oberfläche. Interessanter Titel, gutes Titelbild, "Bestseller" und dann der Cover-Text: "Eines der größten Gedankenexperimente unserer Zeit". Und dann der Autor - "Professor für Journalismus und renomierter Wissenschaftsjournalist".
Trotzdem ist das Buch Schrott! Ein wirres Sammelsurium zusammengewürfelter Skizzen aus Evolution, Geologie, Umweltverschmutzungsthemen und Reiseimpressionen. Abgestanden, oberflächlich, oft gehört und gelesen und ohne stringente Gedankenführung.

Zunächst bleibt Weissman kurz beim Thema. Er beschreibt en detail, in welcher Weise Häuser, Wolkenkratzer, Straßen und Brücken zerfallen, wobei jede rostige Schraube betrachtet wird. Das erinnert an den Prozess der Leichenzersetzung in "Die Chemie des Todes". Ganz interessant. Aber dann schweift er vollkommen ab. Wir erfahren, dass die Menschheit aus Afrika kommt, Jane Godell die Schimpansen beobachtet hat, Plastikmüll sich langsam zersetzt und viel Schwermetall im Boden ist. Ab und zu fühlt er sich wohl verpflichtet, zum Titel zurückzukehren. Wir erfahren mehrfach, dass Bauernhöfe zuwuchern, wenn sie stillgelegt werden und sich Außerirdische nach 10.000 Jahren wohl fragen würden, ob wir es gezielt auf unseren Untergang angelegt hätten. Dann geht es mit Informationen weiter wie: in Nordamerika hat einst Großwild gelebt und FCKW schädigt die Ozonschicht. Ach...

Freitag, 9. Januar 2009

Shakespeare

In der englischsprachigen Welt ist Shekesbeare seit Jahrzehnten und Jahrhunderten Gegenstand intenviver Erforschung und unzähliger Publikationen. Warum also noch ein Buch und warum gerade dieses?

Nun, wie umfangreich die Forschung über Schackespeere eigentlich ist und welch bizarren Blüten sie im Laufe der Zeit getrieben hat, ist mir erst durch dieses 200-Seiten-Büchlein klar geworden. Bill Bryson gibt einen gründlichen, kenntnisreichen Überblick, der aber nie langweilig oder akademisch wird. Es wird ein Panoptikum von Typen und Anekdoten aufgefahren, dass zum Lachen und Kopfschütteln reizt.
An wirklich harten Fakten ist so wenig über Shakspar* bekannt, dass sehr viele Forscher die Lücken durch Spekulationen füllten. Bryson führt uns den wirklichen Stand unseres Unwissens brutal vor Augen und fährt gleichzeitig batallionsweise Spekulationen, fanatische Verfechter wirrer Lehrmeinungen und deren Motive auf. Cool.
Am besten hat mir gefallen, wie er das pralle, bunte England und London in der Zeit um 1600 zum Leben erweckt. Noch nie konnte ich mich dieser Zeit so sinnlich nahe fühlen. Bryson ist ein großer Erzähler, der mit wenigen Worten mehr erschafft als anderen auf tausend Seiten!

* was es damit auf sich hat, erfährst Du im Buch

Montag, 13. Oktober 2008

Artus ohne Tafelrunde

Ein interessanter Titel und ein gut gestalteter Umschlag verführen den Unvorsichtigen zum Kauf dieses 170 Seiten starken Büchleins. Man erhält einige gedrängte Abhandlungen, in denen man auf engstem Raum mit Namen und Datumsangaben totgeschmissen wird. Die Darstellungen sind zu knapp und trocken, um halbwegs entspannt gelesen zu werden. Von Unterhaltung ganz zu schweigen. Das Buch setzt tatsächlich voraus, dass man mit den beschriebenen Herrschern vertraut ist. Wenn nicht, ist bei fast jedem Satz ergänzende Hintergrundlektüre erforderlich. Also eher ein Arbeitsbuch eines Akademikers an Studierende der Geschichte.
Es erfordert erhebliche Konzentration, aus dem Wust dichtgedrängter Informationen das zu entnehmen, was das Buch in Wort und Bild so herrlich ankündigt: worin bestehen denn jetzt eigentlich die Legenden und wie war es denn nun wirklich? Das Buch wird leider keinen festen Platz in unseren Bücherregalen finden - seufz...
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Samstag, 6. September 2008

Der Kalte Krieg


Bernd Stöver ist außerplanmäßiger Professor an der Universität Potsdam und Mitarbeiter des Zeithistorischen Instituts in Potsdam mit zahlreichen Publikationen zur deutschen und amerikanischen Geschichte. Wie Historiker so sind, hat er sich dabei meistens Teilaspekte (des Kalten Krieges) herausgegriffen, die er en detail aufarbeitet z.B. die Volksaufstände in Ostmitteleuropa oder den Antikommunismus in der McCarthy Ära.

Sein Buch über den Kalten Krieg aus dem Jahr 2007 ist ein 500-seitiger Gesamtüberblick. Normalerweise fordern von Forschern verfasste Sachbücher dieser Dicke vom Leser langen Atem und Konzentration, um die Detailfülle und -dichte zu verarbeiten. Keine Entspannungslektüre für den Feierabend.

Dass dieser Fall für mich anders liegt ist weniger dem Stil des Buches zu verdanken, als vielmehr der behandelten Epoche. Meine ganze Kindheit hindurch hatte ich das Gefühl, dass alles, was man aus der Geschichte kennt doch eigentlich eine Art Märchen sein müsse. Angeblich habe es in all den Jahrhunderten und Jahrtausenden ständig große Ereignisse und Taten gehagelt. Aber "heutzutage" tut sich gar nichts mehr. Die Geschichte ist zu Ende. Es herrscht Windstille. Die Gegenwart bedeutet nichts als kleinen Alltag, Stillstand, Langeweile und ok - Sicherheit und Wohlstand - gähn...

Wie verblüfft war ich also, dass nun jemand hingeht und über diese "Nicht-Geschichte" ein Geschichtsbuch schreibt. Und dann behauptet er auch noch, es handle sich um eine geschlossene Epoche - wie das?

Diese ungläubige Frage hat mir Bernd Stövers Buch überzeugend beantwortet. Tatsächlich - das war echte Geschichte und hey - es IST viel geschehen. Dass sich das historisch fühlbare Geschehen (Krieg, Umwälzungen, Unruhen, Flucht) ab ca. 1961 aus Mitteleuropa herausverlagert hat und diese Region quasi windstill im Auge eines Orkans lag, ist nur ein spezieller Teilaspekt des Ganzen (den ich sehr stark empfunden habe).

Die größte persönliche Bereicherung für mich ist, dass ich zwei in meinem Lebensgefühl völlig getrennte Epochen nun als Einheit sehe und empfinde: die Epoche meiner Eltern (Nachkriegszeit, Wirtschaftswunder, Volksaufstände in Osteuropa, Kubakrise, JFK, Mondlandung, Mauerbau, 50ger Jahre Kino, 6-Tage-Krieg, Vietnamkrieg, 68ger-Aufstände) und meine eigene Epoche (Atomkriegsangst, Friedensbewegung, Nicaraguakaffee, Iran-Contra-Affäre, Ayatollah Chomeni, Nato-Doppelbeschluss, James Bond Filme, Einmarsch der Russen in Afghanistan, Dritte Welt Problematik und Entwicklungshilfe als Waffe, Reagan-Ära, Glasnost und Perestroika, Wiedervereinigung).

Gott im Himmel - mit diesen zwei mickrigen Stichwortlisten werde ich der Inhaltsfülle und Tiefe dieses Buches auch nicht ansatzweise gerecht. Es geht ja gar nicht nur um Politik, sondern auch um den Kalten Krieg in Radio, Fernsehen, Musik, Kino, Literatur, Kunst, Architektur, Sport, Geheimdiensten, Propaganda, Technik, Soziale Bewegungen, Sozialpolitik usw. Jedenfalls gehört das tatsächlich zusammen - ist ein Kontinuum. Die Ära meiner Eltern ist mir jetzt ganz nahe.

Und jetzt? Die Wiedervereinigung ist nun schon fast 20 Jahre her; für meine Töchter fühlen sich Sowjetunion und DDR so irreal an, wie für mich Hitlerdeutschland oder Nachkriegszeit. Ob sie ihre Zeit auch mal mit meiner Zeit verkoppeln können?
Kinder, wie die Zeit vergeht! Endlich spüre ich das mal und denke es nicht nur. Wenn das nicht die Wirkung ist, die man von einem Geschichtsbuch erwartet, dann weiß ich es auch nicht. Unbedingt lesen!
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Dienstag, 27. November 2007

Der Gotteswahn

Richard Dawkin´s eigentliches Metier ist, Bücher über die Wissenschaft - speziell die Evolution zu schreiben. Warum also einem toten Hund noch einen Tritt versetzen und plötzlich über Religion schreiben? Nun, damit sich Dawkins dem Thema Religion zuwandte, mussten m.E. mehrere Faktoren zusammenkommen:
1 christliche Fundamentalisten haben zahlenmäßig extrem zugenommen und zwar nicht irgendwo, sondern ausgerechnet in der westlichen Supermacht USA
2. dort haben sie sehr starken politischen Einfluss gewonnen - nicht nur auf die interne Kultur des Landes etwa seine Bildungspolitik, sondern auch auf die Außenpolitik
3. wie so vieles scheinen auch diese Einflüsse langsam auf andere Länder des Westens auszustrahlen und die Errungenschaften der Aufklärung, des Humanismus und der wissenschaftlichen Erkenntnis zurückzudrängen
4. viele Menschen scheinen nicht genug argumentatives Rüstzeug zu besitzen, um dem wohlorganisierten, wohlfinanzierten und aggressivem Bemühungen der christlichen Rechten innerlich etwas entgegenzusetzen.

Daher wendet sich das Buch nicht an die reflektierten Atheisten. Sie brauchen es nicht, sind vom Sujet vielleicht sogar etwas gelangweilt. Es wendet sich auch nicht an Hardcore-Fundamentalisten. Sie sind durch so etwas nicht erreichbar - höchstens reizbar. Richard Dawkins Zielgruppen sind die große Masse der Unentschiedenen, der Halbreflektierten, der religiös Sozialisierten, die zwar im tiefsten Inneren (berechtigte) Zweifel an der Religion hegen, sie aber nicht zu äußern wagen. Die vielen Zuschriften, die erschütternden Zitate aus Zuschriften, die neu entstandenen Selbsthilfegruppen und Websites zum Thema, die Fülle der Einladungen und Lesereisen zeigen, wie bitter das benötigt wird, was Dawkins mitzuteilen hat.


Für alle, die den gegenwärtigen Ton in den USA nicht kennen, hier ein typisches Zitat eines prominenten "amerikanischen Talibans".
I want you to just let a wave of intolerance wash over you. I want you to let a wave of hatred wash over you. Yes - hate is good. Our goal is a christian nation. We have a Biblical duty, we are called by God to conquer this country. We don´t want pluralism. Our goal must be simple. We must have a christian nation buildt on God´s law, on the Ten Commandments. No apologies. Randall Terry
Besonders gefällt mir, dass Dawkins seinerseits nie geifert, polemisiert oder übertreibt. Er argumentiert aus einer reflektierten, menschenfreundlichen, maßvollen Haltung heraus. Ich empfinde ihn hierin als wahrhaft vorbildlich. Er verkörpert dass, was ich mir immer unter einen zivilisierten britischen Gentleman, einem wirklichen Intellektuellen, einem Humanisten vorgestellt habe. Außerdem beweist er sehr viel Mut und Zivilcourage! Das lohnt die Lektüre auch dann, wenn man keinen "religiösen Bedarf" hat.

Schön finde ich auch, dass er die Bibel als wichtiges Stück Kultur durchaus würdigt und gar nicht aus den Lehrplänen verbannen will. Römische und Griechische Mythologie werde ja schließlich auch gelehrt - mit dem Unterschied, dass dabei niemand ernsthaft darauf besteht, man müsse an Zeus oder Jupiter glauben.
Wenn man aber allen Ernstes meint, die Bibel und ihre Moral wörtlich nehmen und heutzutage anwenden zu wollen, dann findet er auch mal sehr engagierte Worte, die an Klarheit NICHTS zu wünschen übrig lassen. Das hat ihm den Spitznamen "Darwin´s Rottweiler" eingebracht.



The God of the Old Testament is arguably the most unpleasant character in all fiction: jealous and proud of it, a petty, unjust, unforgiving control-freak, a vindictive, bloodthirsty ethnic cleanser, a misogynistic, homophobic, racist, infanticidal, genocidal, filicidal, pestilential, megalomaniacal, sadomasochistic, capriciously malevolent bully.

Der Gott des Alten Testaments ist wohl der unerfreulichste Charakter der gesamten Literatur: eiversüchtig und stolz, ein engstirniges, ungerechtes, nachtragendes Kontrollmonster, ein rachsüchtiger, blutdurstiger ethnischer Säuberer, ein frauenfeindlicher, homosexuellenfeindlicher, rasistischer, kindermordender, völkermordender, pestilenzialischer, größenwahnsinniger, sadomasochistischer, launenhafter übelwollender Tyrann.

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Freitag, 9. November 2007

Access Tipps & Techniken

Mein erstes und sicherlich letztes Tech-Tipp Buch von O´Reilly. Aber ich darf nicht meckern. Schließlich habe ich es persönlich zur Kasse getragen und den Preis berappt. Und das kam so:
Ich wollte Access lernen, weil ich es für die Arbeit gut gebrauchen kann. Die üblichen Bücher sind ja immer recht dick, dabei an den banalen Stellen nervenaufreibend kleinschrittig, an den wirklich wichtigen Stellen zu knapp und didaktisch immer schlecht - richtig erklärt wird nix. Es geht immer nur nach dem Muster: "Klicken Sie erst hier, dann da, dann da, dann da, dann da...", ohne dass man weiß, worauf die eigentlich hinaus wollen.
Letztlich habe ich mir dann alles Entscheidende selbst beigebracht und bin darüber in eine Art Rausch geraten, was man mit Access nicht alles Tolles machen kann. In dieser Phase stieß ich auf O´Reilly, fand auf Anhieb drei weiterführende, gut erklärte, schicke Tricks - Fingerschleck - haben wollen!!!
Zuhause wurde mir dann klar, dass die drei Tipps die einzigen Dinge waren, mit denen ich was anfangen konnte. Die restlichen Sachen sind extrem schwer umzusetzen bzw. bestehen darin, dass man sehr umfangreichen Programmcode abtippen (!) müsste. Hier war ein ausgebuffter Programmierer am Werk, der sich leider so ausdrückt, als sei er auf einem Programmierertreffen und spräche zu seinesgleichen. Man versteht nur Bahnhof. Wie bei so vielen PC- und Technik-Sachbüchern gibt es zwischen viel-zu-einfach und viel-zu-schwer eine große, bedauerliche Lücke.

Freitag, 12. Oktober 2007

Der blinde Uhrmacher

Im "blinden Uhrmacher" erklärt Dawkins viele scheinbar unplausible Aspekte der Evolutionstheorie, indem er sich mit William Paleys klassischem Argument aus dem 17.Jahrhundert auseinandersetzt: "Wenn jemand eine Uhr auf einer Wiese findet, wird er nicht denken, diese sei zufällig entstanden, sondern kann aus der Uhr, ihrem komplizierten Aufbau und dem perfekten Zusammenspiel all ihrer Teil darauf schließen, dass es einen Uhrmacher geben muss."
Ja es gibt ihn, aber es ist nicht Gott, sondern die Natur selbst. Sie ist der "blinde Uhrmacher" - blind deshalb, weil sie keine gezielten Pläne, wie menschliche Ingenieure verfolgt. Durch die Mechanismen von Mutationen und Auslese über geologisch lange Zeiträume hinweg hat sie durch ganz einfache Prinzipien komplexeste Dinge erschaffen und zwar weit komplexer als Paley es sich seinerzeit hat träumen lassen.
Dawkins schriftstellerische Kunst besteht darin, diesen hier so trocken resümierten Sachverhalt, nicht nur verständlich zu machen, sondern uns anhand packender Beispiele in ehrfürchtiges Staunen über die Wunder der Natur zu versetzen.
Über die Evolutionstheorie hatte ich bereits ein recht solides "Allgemeinwissen" und scheute vor Sachbuchlektüre über bereits Bekanntes zurück. Doch das Buch ist unterhaltsam und gut lesbar.

PS: Für meinen Geschmack um zwei bis drei Kapitel zu lang. Da merkt man den systematischen Wissenschaftler, der jeden Gedankengang zu Ende bringt. Aber man muss ja nicht bis zu Ende lesen ;-)