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Montag, 6. August 2007

Im Lande des Mahdi 3 ("Im Sudan")

Wegen des schönen Titelbildes habe ich mir den letzten Band der Trilogie aus Versehen zuerst gekauft. "So geht das aber nicht! Wie fängt die Geschichte denn an?"
So kam es, dass ich gleich drei Karl-May Bände hintereinander gelesen habe.

Nach 1500 Seiten kann ich folgende Inhalte resümieren:
20x heimlich anschleichen und die Planungen der Gegner ausspionieren
20x den Gegnern eine Falle stellen und sie ohne einen Schuss gefangen nehmen
20x genaue Ortsbeschreibungen, die 1:1 für die Freilichtbühne übernommen werden können
20x aus dem Gebüsch einen Schlag mit dem Gewehrkolben bekommen und in Gefangenschaft geraten
20x in Gefangenschaft optimistisch bleiben und im letzten Moment die Fesseln durchschneiden
20x darstellen, wie sehr der Islam dem Christentum unterlegen ist
20x Gnade vor Recht ergehen lassen, ohne dass die undankbaren Schufte dadurch Buße tun
20x mit Folter bedroht werden, ohne Angst zu zeigen
20x werden die gefangenen Ganoven nicht selbst bestraft, sondern den Behörden übergeben
2000x werden von Kara Ben Nemsi Effendi dumme Ansichten korrigiert
2000x behält Kara Ben Nemsi Effendi Recht

Mit anderen Worten: es ist unglaublich monoton. Keine neuen Ideen, kein Schwung, kein gar nichts. Die Hälfte des Buches spielt übrigens gar nicht im Sudan, sondern ist eine Rückblende in frühere Bücher. Wir erleben Kara Ben Nemsi Effendi im wilden Kurdistan mit seinem edlen Pferd "Rih" und seinem "kleinen, drolligen" Begleiter Hadschi Halef Omar...
Dieser Ausflug beseitigt letzten Rest von Zweifeln: alle Bücher sind absolut identisch aufgebaut. Immer ist z.B. der Bösewicht ein Anführer einer Rotte von mindestens 30 Schurken (Sklavenhändler, Banditen...), immer soll jemand den wilden Tieren zum Fraß vorgeworfen werden (Krokodile, Bären...) usw.

Wenn ich es mir Recht überlege, sind Karl-May Bücher weniger Abenteuerbücher, als vielmehr Krimis: immer werden Kriminelle überführt, immer treffen wir den selben Kommissar - die Story ist gar nicht so wichtig, wenn wir nur den Kommissar lieben...

Donnerstag, 2. August 2007

Im Lande des Mahdi 2 ("Der Mahdi")


Wie angenehm es doch ist, sich mit einem Protagonisten zu identifizieren, der allen anderen körperlich, geistig und moralisch weit überlegen ist. Sicher und gut gelaunt reist man durch wilde Gegenden voller Krokodile und Mumien, kommt an die exotischsten Orte und ist Herr jeder Situation. Balsam für die geschundene Seele!

Wer jedoch denkt, dass "Der Mahdi" vom Mahdi handelt, irrt. Das Titelbild stellt den Sklavenjäger Ibn Asl dar, den man aus "Menschenjäger" kennt. Die ganze Geschichte ist eine einzige Fortsetzung des letzten Bandes. Dennoch taucht der historische Mahdi, Muhammed Achmed, als Nebenfigur im Buch auf, bevor er berühmt wird und Khartum erobert. Er tritt als wirrer Fanatiker ohne Anhänger auf den Plan, dem wir zweimal das Leben retten, indem wir einen riesenhaften Löwen mit einem Meisterschuss erlegen und ihn später vor dem Verschmachten bewahren, obwohl er so undankbar, feige und hinterhältig war. Berühmt wird er erst außerhalb des Buchs - zu sehen im Film Khartoum (1965). Vorher sagt Kara Ben Nemsi Effendi ihm aber seitenlang mal richtig die Meinung über seinen Glauben.

Auch im Mahdi geht es vor allem um häufiges Anschleichen und Lauschen, Spurenlesen, Kamelreiten und kunstvolle Hinterhalte, in denen Dutzende von Bösewichten ohne Blutvergießen gefangen werden. Erstaunlich ist, dass wir mit unserem Helden in Gefangenschaft geraten und man uns fast die Fingernägel zieht, wovor wir natürlich gar keine Angst haben, da wir selbst diese Situation beherrschen und genüßlich entfliehen. Schön, dass uns später noch ein paar Mal blanker Zufall zur Hilfe kommt, wir arme Sklaven befreien und eine tolle Zeit haben. Was will man mehr...

Montag, 9. Juli 2007

Im Lande des Mahdi 1 ("Menschenjäger")

Nach 30 Jahren mal wieder einen Karl May in der Hand.
Ich liege im Bett, lese die ersten Seiten und versinke in der Phanatsiewelt meiner Kindheit. Wunderbar.

"Eine Segelfahrt auf dem Nil! Welches Erlebnis! Man hat el Kahira, die Pforte des Ostens hinter sich und strebt dem Süden zu. (...) Jetzt kann man mit dem Zug von Kairo nach Siut fahren; aber eine pfeifende Lokomotive am Nil, eine hässliche Rauchwolke in der herrlichen Luft des heiligen Stroms, das will mir wie eine Entweihung scheinen. Ich ziehe das Deck eines Schiffes dem engen Bahnabteil vor. Da sitzt man auf seiner Matte oder auf einem Polster, die Pfeife in der Hand und den duftenden Kaffee vor sich. Der breite Strom dehnt sich wie ein See vor dem Blick, scheinbar grenzenlos. Das erregt die Einbildungskraft, die vorauseilt, dem Süden entgegen, um ihn sich mit riesigen Pflanzen und Tieren zu bevölkern."


Aber ach, oh weh! Aus den Winnetou-Erzählungen meiner Erinnerung bin ich edle Indianer gewöhnt. Old Shatterhand war ein bescheidener, freundlicher Mensch. Karl May bedeutete für mich immer Lex Barker und Pierre Brice. "Im Lande des Mahdi" hingegen begegnet mir Kara Ben Nemsi Effendi als unerträglicher Aufschneider. Jeder, der ihm begegnet oder ihn begleitet ist dumm oder albern oder moralisch verworfen; primitiv in den Absichten und leicht zu durchschauen. Kara Ben Nemsi Effendi kennt das Land stets besser als die Eingeborenen, spricht alle Sprachen perfekt, beherscht alle Künste und ist immer zur richtigen Zeit am richtigen Ort.

Das erinnert mich an Sherlock Holmes, bei dem auch immer alles perfekt zusammenläuft. Man kann immer gewiss sein, dass er jede noch so schwierige Nuss knackt. Auch an Dr.Doolittle kommt mir in den Sinn, der vor jeder Reise absurde Sachen zusammenpackte - für eine Grönlandexpedition eine Gieskanne, eine Klobrille und Rollschuhe - und im Laufe der Reise wurden exakt diese Dinge dringend benötigt.

Diese Vergleiche sind auch schon der Schlüssel zum Verständnis meiner Zuneigung zu Karl May Romanen: mit ihren deutlich überzeichneten guten und bösen Charakteren und vorhersehbarem Verlauf ähneln sie Märchen. Mit ihrem einfachen Plot, einfachen Gerechtigkeit und einfachen Sprache ähneln sie vielen biblischen Geschichten. Man muss in Stimmung sein, um so etwas zu lesen - eine Zeit lang in die naive Weltsicht der Kindheit zurückfallen wollen.

Wenn man die erwachsenen Sicht nicht ausschalten kann und Karl May mit großer Literatur vergleicht, kann das Urteil nur vernichtend sein. Nach 20 Seiten hat man den ganzen Karl May erfasst:
Er stilisiert sich zu einem wunderbaren Helden. Dabei geht er grotesk primitiv vor. Er ist ein naiver Angeber - geradeheraus, ungeschmickt, ohne jedes Gefühl für Peinlichkeiten. Bei seiner Selbstinszenierung stützt er sich auf das Überlegenheitsgefühl des imperialistischen Zeitalters der restlichen Welt gegenüber. Er als Europäer und Christ ist allen anderen haushoch überlegen. Jeder Europäer ist mehr wert, als zehn Afrikaner. Wiederholt weißt er darauf hin, dass die tiefe Bewunderung und Ehrfurcht, die die Ägypter für ihn empfinden, ganz und gar unverdient sei, da jedes deutsche Schulkind die fraglichen Kenntnisse habe.

Ein Teil der Überlegenheit war damals auch gar nicht von der Hand zu weisen: allgemeine Schulbildung, aufgeklärtes Denken, Wissenschaft, überlegene militärische Machtmittel, straffe Verwaltung der Kolonien und Mandatsgebiete und technisches Know-How. Leider vermischt er dies mit moralischer und kultureller und intellektueller Überlegenheit. Den Deutschen hat es aber damals offensichtlich gefallen. Auch an die Naziideologie fühle ich mich erinnert: auf den ersten Blick schöne und gute Menschen, klarer Blick, Mut und Aufrichtigkeit etc. Einfache Sprache mit klaren Botschaften und prägnanten Sprachbildern. Auf den zweiten Blick eine unglaublich verquaste Mischung aus Halbwahrheiten, Vereinfachungen, Ausblendungen und nicht zusammenpassenden Versatzstücken.

Ein markantes Beispiel dafür sind seine ständigen Hinweise auf sein Christentum! Im ersten Moment fühlt man sich von den ethischen Standards angesprochen: edel sei der Mensch, hilfreich und gut. Auf den zweiten Blick ist dies doch aber gar nicht typisch christlichch! Und um sich selbst noch mehr zu erhöhen, greift er auch hier wieder zum primitivsten aller Mittel - die Anderen zu erniedrigen:
"Sein Verhalten lies mich den Einfluss des Islam mit dem Christentum auf den Menschen vergleichen. Welche Liebe, Sanftmut, Demut und milde Freundlichkeit beobachtet man bei den Mitgliedern christlicher Bruderschaften, und wie hochmütig, verstockt und frech trat dieser Leiter einer muslimischen Verbrüderung auf.
So sind sie alle, die unwissenden Mulimin, deren Frömmigkeit sich meist nur im gedankenlosen Herleiern einiger Gebete bestätigt: verbissene und verständnislose Menschen (...)"
Wäre er nicht schon tot, hätte er das heutzutage bestimmt nicht überlebt. Er wäre von verbissenen Mitgliedern muslimischer Verbrüderungen mit einer Fatwa belegt worden.

So, nach dieser Schimpftirade muss ich aber schnell aufhören und mich mit Butterkeksen ins Bett zurückziehen. Ich habe mir den nächsten Band ("Der Mahdi") gekauft und kann nicht abwarten, endlich weiterzulesen...