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Freitag, 27. Februar 2009

Glaubensfrage

Ein mit dem Pulitzer Preis ausgezeichnetes Theaterstück gut verfilmt. Der deutsche Titel ist allerdings nicht ganz treffend, denn es geht nicht um theologische Dispute. Das Original heißt "Zweifel".

Inhalt: 1964 in Harlem (New York). Eine katholische Kirchengemeinde und eine katholische Schule. Konflikt zwischen der bitteren, herrschsüchtigen Rektorin (Nonne), die die Schule wie ein Gefangenenlager leitet und dem lebensfrohen irischen Gemeindepriester, der den Leuten lebensnah aus dem Herzen predigt und viel für die Jugend tut. Beim ersten an den Haaren herbeigezogenen Vorwand stürzt sich der alte Drache auf den Priester und unterstellt ihm sexuelle Beziehungen zu einem Schüler. Idiotisch, oder? Man ist anfangs geneigt, die olle Schrulle zu hassen und den netten Kerl zu schützen, aber andererseits - wie viele solcher Priester hat es nicht schon gegeben. So wie sie religiöse Sprüche vorschiebt, um ihren Machtkampf zu gewinnen, so gut würden ihm seine progressiven Argumente helfen, niedere Motive und Kindesmissbrauch zu verbergen. Im Laufe des Stückes wird sie sympathischer und er zweifelhafter. Das Stück bleibt bis zum Schluss exakt auf Messers Schneide. Wer hat recht? Wem glaubt man? Eine Glaubensfrage! Es bleiben Zweifel in alle Richtungen. Klasse.

Montag, 6. Oktober 2008

Schnee

Literaturnobelpreis? Niemals!

Natürlich kann ich nur die deutsche Übersetzung beurteilen, aber was ich da gelesen habe, finde ich sprachlich und stilistisch mieserabel. Die Sätze sind lang, verschachtelt und mit (meist wenig interssanten) Nebeninformationen belanden. Das Werk liest sich wie der schwerfällige Sachbuchversuch eines Provinzjournalisten, der selbst Erlebtes akribisch festhält. Ebenso muss auch noch jedes recherchierte Detail irgenwie untergebracht werden. Keine Straffung der Geschichte auf Wesentliches - scheinbar ist alles wesentlich.

Plot: Der Held der Geschichte begibt sich in eine türkische Provinzstadt, wird ein paar Tage eingeschneit und erlebt "die Widersprüche von Orient und Okzident", was sich ungefähr so liest:

"Der Autor von Mutterland und Turban, den ich fünf Jahre nach den Geschehnissen, siebenundneunzigjährig und nicht mehr ganz rüstig in Ankara antraf, erzählte mir, dass in den vierziger Jahren die Gymnasiastinnen und Beamtinnen an dieser Stelle seines ebenso wie die anderen Werke (Atatürk läuft, Atatürk schläft, Atatürk für Gymnasien, Gespräche mit Ihm usw.) leider jetzt vergessenen Stücks (er wusste nichts von der Aufführung in Kalüm und den Ereignissen) sich erhoben und unter Tränen geklatscht hätten, während er gleichzeitig seine ungezogenen Enkel (genauer gesagt seine Urenkel) ausschimpfte, die auf ihm herumkletterten."

Geeignet für alle, die so stark an den gegenwärtigen sozialen Verhältissen der türkischen Provinz interessiert sind, dass sie quälende Textarbeit nicht scheuen. Als Lohn winken Erkenntnisse wie diese: "Wenn Unglück ein hinreichendes Motiv für Selbstmord wäre, würden sich die Hälfte aller türkischen Frauen umbringen."

Ich denke, das war eine politisch motivierte Preisvergabe an jemanden, der sich von innen her kritisch mit verschiedenen Aspekten islamischer Gesellschaften auseinandersetzt. Leider völlig unleserlich.

Dienstag, 27. November 2007

Der Gotteswahn

Richard Dawkin´s eigentliches Metier ist, Bücher über die Wissenschaft - speziell die Evolution zu schreiben. Warum also einem toten Hund noch einen Tritt versetzen und plötzlich über Religion schreiben? Nun, damit sich Dawkins dem Thema Religion zuwandte, mussten m.E. mehrere Faktoren zusammenkommen:
1 christliche Fundamentalisten haben zahlenmäßig extrem zugenommen und zwar nicht irgendwo, sondern ausgerechnet in der westlichen Supermacht USA
2. dort haben sie sehr starken politischen Einfluss gewonnen - nicht nur auf die interne Kultur des Landes etwa seine Bildungspolitik, sondern auch auf die Außenpolitik
3. wie so vieles scheinen auch diese Einflüsse langsam auf andere Länder des Westens auszustrahlen und die Errungenschaften der Aufklärung, des Humanismus und der wissenschaftlichen Erkenntnis zurückzudrängen
4. viele Menschen scheinen nicht genug argumentatives Rüstzeug zu besitzen, um dem wohlorganisierten, wohlfinanzierten und aggressivem Bemühungen der christlichen Rechten innerlich etwas entgegenzusetzen.

Daher wendet sich das Buch nicht an die reflektierten Atheisten. Sie brauchen es nicht, sind vom Sujet vielleicht sogar etwas gelangweilt. Es wendet sich auch nicht an Hardcore-Fundamentalisten. Sie sind durch so etwas nicht erreichbar - höchstens reizbar. Richard Dawkins Zielgruppen sind die große Masse der Unentschiedenen, der Halbreflektierten, der religiös Sozialisierten, die zwar im tiefsten Inneren (berechtigte) Zweifel an der Religion hegen, sie aber nicht zu äußern wagen. Die vielen Zuschriften, die erschütternden Zitate aus Zuschriften, die neu entstandenen Selbsthilfegruppen und Websites zum Thema, die Fülle der Einladungen und Lesereisen zeigen, wie bitter das benötigt wird, was Dawkins mitzuteilen hat.


Für alle, die den gegenwärtigen Ton in den USA nicht kennen, hier ein typisches Zitat eines prominenten "amerikanischen Talibans".
I want you to just let a wave of intolerance wash over you. I want you to let a wave of hatred wash over you. Yes - hate is good. Our goal is a christian nation. We have a Biblical duty, we are called by God to conquer this country. We don´t want pluralism. Our goal must be simple. We must have a christian nation buildt on God´s law, on the Ten Commandments. No apologies. Randall Terry
Besonders gefällt mir, dass Dawkins seinerseits nie geifert, polemisiert oder übertreibt. Er argumentiert aus einer reflektierten, menschenfreundlichen, maßvollen Haltung heraus. Ich empfinde ihn hierin als wahrhaft vorbildlich. Er verkörpert dass, was ich mir immer unter einen zivilisierten britischen Gentleman, einem wirklichen Intellektuellen, einem Humanisten vorgestellt habe. Außerdem beweist er sehr viel Mut und Zivilcourage! Das lohnt die Lektüre auch dann, wenn man keinen "religiösen Bedarf" hat.

Schön finde ich auch, dass er die Bibel als wichtiges Stück Kultur durchaus würdigt und gar nicht aus den Lehrplänen verbannen will. Römische und Griechische Mythologie werde ja schließlich auch gelehrt - mit dem Unterschied, dass dabei niemand ernsthaft darauf besteht, man müsse an Zeus oder Jupiter glauben.
Wenn man aber allen Ernstes meint, die Bibel und ihre Moral wörtlich nehmen und heutzutage anwenden zu wollen, dann findet er auch mal sehr engagierte Worte, die an Klarheit NICHTS zu wünschen übrig lassen. Das hat ihm den Spitznamen "Darwin´s Rottweiler" eingebracht.



The God of the Old Testament is arguably the most unpleasant character in all fiction: jealous and proud of it, a petty, unjust, unforgiving control-freak, a vindictive, bloodthirsty ethnic cleanser, a misogynistic, homophobic, racist, infanticidal, genocidal, filicidal, pestilential, megalomaniacal, sadomasochistic, capriciously malevolent bully.

Der Gott des Alten Testaments ist wohl der unerfreulichste Charakter der gesamten Literatur: eiversüchtig und stolz, ein engstirniges, ungerechtes, nachtragendes Kontrollmonster, ein rachsüchtiger, blutdurstiger ethnischer Säuberer, ein frauenfeindlicher, homosexuellenfeindlicher, rasistischer, kindermordender, völkermordender, pestilenzialischer, größenwahnsinniger, sadomasochistischer, launenhafter übelwollender Tyrann.

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Freitag, 12. Oktober 2007

Der blinde Uhrmacher

Im "blinden Uhrmacher" erklärt Dawkins viele scheinbar unplausible Aspekte der Evolutionstheorie, indem er sich mit William Paleys klassischem Argument aus dem 17.Jahrhundert auseinandersetzt: "Wenn jemand eine Uhr auf einer Wiese findet, wird er nicht denken, diese sei zufällig entstanden, sondern kann aus der Uhr, ihrem komplizierten Aufbau und dem perfekten Zusammenspiel all ihrer Teil darauf schließen, dass es einen Uhrmacher geben muss."
Ja es gibt ihn, aber es ist nicht Gott, sondern die Natur selbst. Sie ist der "blinde Uhrmacher" - blind deshalb, weil sie keine gezielten Pläne, wie menschliche Ingenieure verfolgt. Durch die Mechanismen von Mutationen und Auslese über geologisch lange Zeiträume hinweg hat sie durch ganz einfache Prinzipien komplexeste Dinge erschaffen und zwar weit komplexer als Paley es sich seinerzeit hat träumen lassen.
Dawkins schriftstellerische Kunst besteht darin, diesen hier so trocken resümierten Sachverhalt, nicht nur verständlich zu machen, sondern uns anhand packender Beispiele in ehrfürchtiges Staunen über die Wunder der Natur zu versetzen.
Über die Evolutionstheorie hatte ich bereits ein recht solides "Allgemeinwissen" und scheute vor Sachbuchlektüre über bereits Bekanntes zurück. Doch das Buch ist unterhaltsam und gut lesbar.

PS: Für meinen Geschmack um zwei bis drei Kapitel zu lang. Da merkt man den systematischen Wissenschaftler, der jeden Gedankengang zu Ende bringt. Aber man muss ja nicht bis zu Ende lesen ;-)