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Dienstag, 15. November 2011

Patriot Games

Beim Lesen dieses Buchs hat mich seit langem mal wieder einmal die Lust überfallen, eine Besprechung zu schreiben. Mir ist dabei so viel durch den Kopf gegangen. Und was stelle ich auf einmal fest? Ich habe schon einmal ein Buch von Tom Clancy besprochen, und darin schon alles Negative gesagt. Ist zwei Jahre her. Ich konnte mich überhaupt nicht erinnern. Umso erstaunter war ich, dass ich erneut ein Werk als "N24-Buch" betitelt habe.

Na, dann kann ich ja gleich zu den sonstigen Beobachtungen übergehen. Clancy´s Hauptfigur Jack Ryan gehört in die Reihe der absolut guten Kerle wie Donna Leon´s Commissario Brunetti oder Elisabeth Georges Inspector Lynley. Genau wie diese ist er kein besonders aufsehenerregender Held, sondern einfach nur der good guy von nebenan. Clancy schafft es aber nicht, ihm einen etwas tieferen Charakter zu geben. Sein Privatleben ist irgendwie standardisiert. Er sagt, was man so sagen muss, und tut was man so tun muss. Ein politisch hyperkorrekter Saubermann. So viel steht fest: das Buch lebt nicht vom Hauptcharakter und dementsprechend werden die bad guys bei Clancy auch nie  durch individuelle Leistungen wie Spürsinn (Sherlock Holmes), Hartnäckigkeit (John Rebus) oder Intuition (Adamsberg) zur Strecke gebracht. Der Held hebt sich nicht besonders gegen die anderen good guys ab.

Bei Clancy wird der Sieg durch die Gemeinschaftsleistung einer konservativen, wehrhaften Gesellschaft errungen, in der alle strebend ihre patriotische Pflicht tun. Die Guten sind obere Mittelschicht: akademisch, wohlhabend und staatsnah. Ach was, staatsnah - alles Kumpels aus dem FBI, dem CIA, der Navy, der Airforce und einem S.W.A.T-Team. Die Bösen kommen aus dem Ausland.

Interessanterweise ist auch die Gemeinschaftsleistung keine logistisches Meisterwerk, bei dem irgendwer über sich hinauswächst. Wenn es eng wird, greift einfach die Routine und der Dienst. Vater Staat hat ja alle gut ausgerüstet und trainiert und dann klappt das schon.

Die eigentliche Story ist dramaturgisch gar nicht schlecht aufgebaut. Die Verfilmung ("Die Stunde der Patrioten") kann man allerdings vergessen. Zwar ist  das Ambiente gut rübergebracht, aber die Story ist mies gekürzt, verändert, verkrüppelt. Schade!

Samstag, 19. Dezember 2009

Netforce: Masterplan

Jetzt wollte ich es aber wissen! Ist Tom Clancy ein schlechter Massenschreiberling oder habe ich bislang zu Unrecht einen Bogen um gut gemachte Unterhaltung geschlagen? Als Probe aufs Exempel habe ich mir das Buch "Masterplan" aus der Netforce-Serie gekauft.

Befunde:
1. Der Titel ist Billigschrott. Es gibt in dem Buch keinen Masterplan, "der für die USA eine tötliche Gefahr darstellt", wie auf dem Klappentext beschrieben. Die Story ist dürftig, die Auflösung lächerlich.
2. Die Autoren sind nicht, wie im Klappentext beschrieben, Tom Clancy und Steve Pieczenik, sondern Steve Perry und Larry Segriff. Das steht irgendwie unauffällig gleich vorne auf dem Umschlag. Was soll man überhaupt von Autorenkollektiven halten? Na jedenfalls gibt Clancy nur noch seinen Namen her und lässt schreiben. Das sagt doch schon alles.
3. Es ist ein N24-Buch , das heißt: unkritisch technik- und vor allem waffenbesessen. Ok, wenn mich Technik nicht interessieren würde, hätte ich es nicht gekauft. Aber so? Jede Figur hat ihre Lieblingswaffe, die mit Modellbezeichnung beschrieben wird. Dazu gibt es jeweils eine genaue Erörterung, welche Munitionsart dafür geeignet ist. Überhaupt geht es von vorne bis hinten um Luxus, Perfektion, Markenbewusstsein und Statussymbole. Jeder Wein, jede Armbanduhr wird en detail erörtert. Gott ist das primitiv, langweilig und schlecht...
4. Das Schlimmste zum Schluss: die Personen. Klischeehafte mainstream Mittelstandsideologie für die Guten wie die Bösen. "Streng dich an. Du musst der Beste sein." Die Bösen wollen um jeden Preis Geld machen. (Typischer Ausspruch: "Was machen eigentlich die ganzen Armen ein einem so schönen Tag wie heute?") Die Guten wollen um jeden Preis ihr Land und ihre Familie schützen. (Typischer Ausspruch: "Wir müssen unser Kind so erziehen, dass es ein produktives und erfolgreiches Mitglied der Gesellschaft wird.") Eine monotone Figurenlandschaft. Kotz!

Sonntag, 21. Juni 2009

ABSOLUTE FRIENDS

"This is vintage John le Carré"
Wenn Du das Wörterbuch brauchst, um vintage nachzuschlagen, dann leg es gar nicht mehr weg. Es gibt Unmengen toller neuer englischer Worte zu lernen.
Wenn das also ein "klassischer" Carré ist, dann muss ich unbedingt mehr davon lesen. Carré schreibt den lakonischen Stil eines alten Mannes, der viel gesehen hat und die Wechselfälle des Lebens unaufgeregt und ohne Illusionen betrachtet. Eine abgeklärte Vogelperspektive.
In schnörkellosem Stil beschreibt Carré die Lebensgeschichte von Ted Mundy, die als Sohn eines indischen Kolonialoffiziers beginnt und in Heidelberg nach 9/11 endet. Und es ist keine Spionagegeschichte, wie ich sie vermutet habe. Genau wie manch guter Krimi nur den Vorwand zu Charakter- und Milieustudien liefert, beschreibt Carré atmosphärisch dicht das Leben eines Mannes, der erst nach 60% des Buches überhaupt mit Spionage in Kontakt kommt. Nachkriegsengland, Berlin 68, DDR und BRD der 80ger - Carré muss persönlich dabei gewesen sein. Der knappe, sachliche Stil erzeugte bei mir besonders intensive Emotionen, um die "Lücken" zu füllen. Ted Mundy - ein sympatischer Kerl wie Du und ich. Ich werde ihn vermissen.

Das Ende ist übrigens ein Knaller. Man könnte denken, Carré hätte 95% des Buches als Vorrede geschrieben, damit man das Ende richig würdigen kann. Das wäre eine etwas sehr lange Vorrede. Nein, ich denke, er hat in die Zeiten des Kalten Krieges zurückgegriffen, weil das seine Zeit ist und hat einfach ein aktuelles Ende drangeflanscht. Und zwar gut!

Mittwoch, 7. November 2007

Geheime Melodie

Spionagefilme und -bücher gibt es wie Sand am Meer - sie sind alle nicht mein Fall. Immer diese Finsterlinge mit ihren verworrenen Plots. Doch plötzlich habe ich mir den ersten John le Carré meines Lebens gekauft und das kam so: zunächst hat mich das Zebra angesprochen (wegen unseres Busses) und dann zog mich der Stil schon auf der ersten Seite in seinen Bann. Er war so ganz anders, als erwartet. Leicht und -ja- literarisch! Er hat mich an die Mitternachtskinder Salman Rushdies und Mein Herz so weiß von Javier Marias erinnert - und damit gleich an zwei Bücher meines persönlichen Kanons!
Man sagt, seit der kalte Krieg vorbei ist, sei John le Carré nicht mehr auf der Höhe der Zeit. Das mag gut sein, ist aber als Glücksfall zu betrachten, denn dadurch probiert er (wie man hört) neue Wege aus. Keine "typischen" Spione mehr, die aus der Kälte kommen!
Auf den ersten fünfzig Seiten lernen wir einen Ich-Erzähler kennen, indem er über sich selbst plaudert, seine Herkunft (Kongo), sein Beruf (Konferenzdolmetscher), seine Ehe und sein britisches Mittelklasse-Milieu. Das macht so viel Spaß, dass es einfach immer so weiter gehen könnte. Er ist ein gutmütiger, sensibler Kerl mit starkem Wunsch nach Assimilation und solidem bürgerlichem Leben. Aufgrund seiner Sprachkenntnisse wird er überall sehr angefragt, unter anderem - wie könnte es anders sein - gelegentlich vom britischen Geheimdienst. Als er nun einmal auf einer Geheimkonferenz an geheimem Ort dolmetschen soll, geht er nicht Böses ahnend, gut gelaunt und recht naiv an die Sache ran. Immer blickt man durch seine Augen, immer hört seine Interpretationen des Geschehens.
Als Leser ist man zwar genau so ahnungslos wie er, allerdings nicht so naiv. Während die Situation für ihn noch harmlos ist, schöpft man als Leser bereits Verdacht. Während er anfängt, Verdacht zu schöpfen, stehen einem als Leser bereits die Nackenhaare zu Berge. Während man als Leser die hässliche Wahrheit schon in klare Worte fasst, bagatellisiert und beschönigt er noch alles. Er will doch unbedingt an das Gute glauben und hat so gar nichts von diesen welterfahrenen, zynischen Klischee-Spionagetypen. Das macht ihn sehr sympatisch. Als die ungeschminkte Wahrheit trotz allerseitiger Beschönigungen auch für ihn nicht mehr zu übersehen ist, bleibt sein Erzählton leicht und "positiv". Dadurch wird alles Folgende - und die Geschichte schlägt bis zum bitteren Ende noch einige Haken - in Ironie und Sarkasmus getaucht. Wirkungsvoll!