Mittwoch, 25. Februar 2009

Stille

Harold Cleaver ist britischer Fernsehmoderator. Ein Großmaul, ein Vielredner, ein Angeber, ein Frauenheld, ein Workoholic, ein bekannter Gesellschaftslöwe. Er ist nie eine Sekunde allein, hat immer mehrere Eisen im Feuer und tanzt auf allen Hochzeiten, spricht zu allen Themen.
Mit 55 auf dem Höhepunkt seiner Karriere veröffentlich sein erwachsener Sohn ein Buch über den Vater, den Unerträglichen, den Zynischen, den Allmächtigen. Eine Abrechnung. Eine Breitseite. Ein Schlag unter die Gürtellinie.

Cleaver zieht die Reißleine und verschwindet in den Tiroler Bergen. Oberhalb der Lärmgrenze - mit nur wenigen Brocken deutsch. Einfach mal die Klappe halten!! Kein Telefon, kein Fernsehn, kein Buch, keine Zeitung, keine Menschen. Kalter Entzug.

Hey - und was wir hier mit ihm erleben ist kein weises Zen-Stück, kein Robinson und kein Thoreau. Tim Parks lässt einfach Cleavers Gedanken fließen, wie sie halt so fließen. Und das ist schriftstellerisch total toll, weil ganz einfach und natürlich gemacht. Tirol und London, Fußschmerzen und Grübeleien - alles fließt ohne Filter, ohne Unterbrechung und ohne Interpunktion durch sein Bewusstsein. Diese Denken, wie man halt so denkt, zog mich durch das ganze Buch. Und natürlich erleben wir einen differenzierteren Mann als vom Sohn karrikiert. Einen Menschen.
Gut!