Houellebecq´s Buch beginnt als Entwicklungsroman. Das Leben zweier Halbbrüder von der frühen Kindheit bis etwa ins Alter Ende vierzig. Beide sind emotional ziemlich gestörte Einzelgänger. Der eine durchlebt im Internat die Hölle à la Winston Churchill, der andere lebt fast autistisch vor sich hin.Dieser Teil des Buches ist sprachlich und atmosphärisch packend. Es ist Houellebecqs einzigartiger Stil, der das Buch zu Erlebnis macht.
Leider dreht sich ab spätestens der Hälfte des Buches alles um die Tatsache, dass der eine Bruder aufgrund seiner Kontaktschwierigkeiten keine Frauen kennenlernt, was das Denken-an und Suchen-nach Sex zum einzigen Lebensinhalt werden lässt. Genial beschrieben ist sein Aufenthalt in einem esoterischen Selbstfindungscamp. Mit den Inhalten hat er so gar nichts am Hut und die Anwesenden werden extrem sachlich taxiert. Tolle Typenbeschreibungen. Dann aber dehnt und wiederholt er das Sexthema so penetrant, dass mir das Weiterlesen schier unerträglich wurde.
Was die Kritik über Houellebecq sagt, kann ich ebenfalls nicht teilen. Dass er einen Fin de siecle Roman geschrieben habe, der das allgemeine, morbide Lebensgefühl in den westlichen Konsumgesellschaften mit ihrer individuellen Vereinsamung beschreibe. Klar gibt es solche Menschen und Probleme. Wie bei jedem guten Schriftsteller habe ich mich auch teilweise wiedererkannt. Aber diese beiden als Allegorie auf die Gegenwart finde ich dann doch maßlos übertrieben. Auch die Vergleiche mit Satre und Camus erscheinen mir nicht zutreffend. Gut, alles ist durchdrungen von einer leeren, hoffnungslosen, depressiven, einsamen Stimmung. Und alles erscheint den beiden Brüdern letztlich irgendwie banal und schmutzig. Aber nein - schlechte Vergleiche! Lobhudelei auf Buchrücken.
Hier eine Leseprobe:
"Das Fernsehn interessierte ihn weniger. Er verfolgte jedoch mit klopfendem Herzen die wöchentliche Sendung Das Leben der Tiere. Die Gazellen und die Damhirsche, anmutige Säugetiere, verbrachten ihre Tage in Angst und Schrecken. Die Löwen und die Panther lebten in einem Zustand stumpfsinniger Lethargie, der durch momentane Ausbrüche von Grausamkeit unterbrochen wurde. Sie töteten, zerfleischten und verschlangen die schwächsten Tiere, die alt oder krank waren; dann verfielen sie wieder in einen Dämmerzustand, der nur durch die Angriffe der Parasiten belebt wurde, die sie von innen verschlangen. Manche Parasiten wurden selbst von noch kleineren Parasiten angegriffen; und letztere waren ihrerseits ein fruchtbarer Nährboden für die Viren. Die Echsen und Schlange glitten zwischen den Bäumen hindurch und bohrten ihre Giftzähne in Vögel und Säugetiere; es sei denn, sie wurden gerade vom Schnabel eines Raubvogels zerstückelt. Claude Dargets dümmliche , theatralische Stimme kommentierte diese furchtbaren Bilder mit einem Ausdruck nicht zu rechtfertigender Bewunderung. (...) Im ganzen gesehen war die ungezähmte Natur nichts anderes als eine ekelhafte Schweinerei; im ganzen gesehen rechtfertigte die ungezähmte Natur eine totale Zerstörung, einen universellen Holocaust - und die Aufgabe des Menschen auf der Erde bestand vermutlich darin, diesen Holocaust herbeizuführen."
Wie man hört, hat Houellebecq in seinem ersten Buch "Ausweitung der Kampfzone" noch mehr über gesellschaftliche Zustände geschrieben, während der Elementarteilchennachfolger sich ausschließlich um persönliche Verhaltensstörung und Sextourismus dreht. Wohl wieder eine Allegorie darauf, dass man heutzutage alles billig kaufen muss, weil es keine normalen menschlichen Beziehungen mehr gibt, und dabei auch noch die dritte Welt ausnutzt.
Bemüht er sich hier nicht ein bischen zu verkrampft, ein "Skandalautor" zu bleiben, von dem man spricht (und den man kauft)?