Bill Bryson hat bereits zahlreiche gute-Laune-Bücher in einem unverwechselbar locker plaudernden, heiteren Stil geschrieben. Sein häufigstes Stilmittel sind charmate bis groteske Übertreibungen, die mich an Ephraim Kishon erinnern und von denen ich nicht genug bekommen kann. Drum hab ich nahezu alle seine Bücher verschlungen.In seinem bislang letzten Werk beschreibt er seine Kindheit in den USA der fünfziger und frühen sechziger Jahren, genauer im öden, ländlichen Iowa, in der Mitte des mittleren Westens.
Alles, was ich kürzlich bei meinen beiden ersten USA-Besuchen in der texanischen Provinz an amerikanischer Alltagskultur kennengelernt habe, scheint in den fünfziger und frühen sechziger Jahren entstanden und bloß graduell weiterentwickelt worden zu sein. Die Fünfziger waren das "goldene Zeitalter" Amerikas. Ein im Vergleich zum damaligen Europa ein unvorstellbar reiches und fortschrittliches Land.
In ironisch-kritisch-liebevollem Ton beschreibt Bryson alle guten und weniger guten Phänomene jener Zeit durch eine scheinbar naive, begeisterte Brille des kindlichen Rabauken: die erste Rolltreppe im Kaufhaus, das aufkommende Fernsehen, die totale Umstellung auf das Auto, den frühen Kalten Krieg, den Rassismus, aberwitzigen Fortschrittsglauben, Kommunistenhatz, unkritischem Einsatz von DDT in Wohngebieten zur Mückenbekämpfung und vieles andere.
Eine Tour de Force. Obwohl er alle großen Themen der Zeit anschneidet, bleibt es ein sehr persönliches, warmes Buch über seine Familie und Freude voll detaillierter Alltagsbegebenheiten. Sehr schön finde ich auch das Ende im Stile eines Entwicklungsromanes. Im Erwachsenwerden wandelt sich seine begeisterte Kinheitssicht in kritische Wahrnehmung des american way of life. Als Leser begrüsst man zwar die adäquatere Wahrnehmung der Welt, fühlt aber auch den schmerzlichen Verlust des Kindheitsparadieses.